Die Familie der orientalischen Katzen
Die Familie der orientalischen Katzen – wie alles begann
Wer sich einmal mit orientalischen Katzenrassen beschäftigt, stolpert ziemlich schnell über einen Namen: Siam.
Und das mit gutem Grund – denn diese elegante Katze aus Thailand ist so etwas wie die Urmutter eines ganzen Zweigs edler, schlanker, geschmeidiger Katzenrassen.
Die Siamkatze war ursprünglich eine Tempelkatze im alten Siam, dem heutigen Thailand. Dort galt sie als Glücksbringer, als Wächterin der Seele und als Katze der Könige. Sie hatte ein kurzes, seidiges Fell, große mandelförmige Augen und ein auffälliges Zeichnungsmuster: dunkle Ohren, dunkle Pfoten, dunkler Schwanz – das sogenannte „Point-Muster“.
Als sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Europa gebracht wurde, war die Begeisterung groß. Schnell begannen Züchter, mit dieser faszinierenden Rasse zu arbeiten – und wie das in der Zuchtwelt so ist: Es blieb nicht lange bei einer Variante.
Die Siam – einmal klassisch, einmal modern
Schon bald spaltete sich die Siamkatze in zwei Linien:
Auf der einen Seite blieb die ursprüngliche Form erhalten – mit rundlicherem Kopf, gemäßigtem Körperbau und traditionellem Ausdruck. Diese Linie nennt man heute schlicht Thai. Sie ist die altmodische Schwester der modernen Siam, freundlich formuliert: „die gemütlichere“.
Die andere Linie ging einen ganz anderen Weg: lang, schlank, keilförmiger Kopf, große Ohren, ein bisschen wie ein laufender Pfeil. Diese moderne Siam wurde zur Standardkatze vieler Shows und Zuchtverbände. Ihre Körpersprache ist fast tänzerisch – sie ist der Prototyp der „orientalischen Eleganz“.
Farbenvielfalt ohne Punkte – die Orientalisch Kurzhaar
Irgendwann dachten sich einige Züchter: Warum eigentlich nur Point-Zeichnung?
Und so entstand die Orientalisch Kurzhaar – dieselbe grazile Erscheinung wie die moderne Siam, aber in einer unglaublichen Farbpalette: Schwarz, Weiß, Rot, Creme, Schildpatt, Tabby, Smoke – fast wie ein Malkasten auf vier Pfoten.
Die Orientalisch Kurzhaar war so beliebt, dass daraus wiederum neue Spielarten entstanden.
Zum Beispiel die Orientalisch Langhaar – dieselbe bunte Eleganz, nur mit einem weich fallenden, mittellangen Fell. Manchmal nannte man diese langhaarige Variante auch Javanese, obwohl es mit der indonesischen Insel nichts zu tun hat.
Besonders charmant ist die Seychellois – eine Katze mit weißem Grundfell, farbigen Punkten und einem Hauch Exzentrik. Man kann sie sich ein bisschen wie eine farbenfrohe Opernsängerin im Pelz vorstellen.
Und dann gibt es da noch die Mandarine – eine seltene, besonders auffällig gefärbte Langhaarvariante, irgendwo zwischen OKH und OLH. Man streitet sich bis heute, ob sie eine eigene Rasse oder nur eine Farbrichtung ist – aber schön ist sie allemal.
Die Balinese – wenn eine Siam seidig wird
Neben der bunten Orientalisch-Linie entwickelte sich fast zeitgleich ein langhaariger Abkömmling der Siam: die Balinese.
Hier bleibt das Point-Muster erhalten, aber das Fell wird länger, fließender, fast wie Seide. Im Wesen ist sie verspielt, neugierig, kommunikativ – eine Katze, die nicht nur schön aussieht, sondern auch gern erzählt.
Manche sagen, die Balinese sei die „Siam mit Nachthemd“. Und das passt irgendwie.
Alte Wurzeln und neue Wege – die Mekong Bobtail
Nicht alle orientalischen Rassen stammen aus gezielter Zucht in Europa oder den USA.
Ein besonderer Fall ist die Mekong Bobtail – eine Katze mit asiatischer Herkunft, kurzem Schwanz (meist gekringelt), Point-Zeichnung und freundlichem Wesen.
Sie wurde in Russland und Osteuropa wiederentdeckt, nachdem sie lange Zeit in buddhistischen Tempeln lebte. Ihre Verwandtschaft zur Siam ist unverkennbar, doch sie gilt als eigene, natürliche Rasse – keine Modeerscheinung, sondern ein Stück lebendige Geschichte.
Wenn Russland mischt – die Peterbald
Man nehme eine elegante Siamkatze, kreuze sie mit einer haarlosen Don Sphynx – und heraus kommt die Peterbald.
Diese russische Schönheit kann nackt sein, leicht bepelzt oder samtig behaart. Der Körperbau bleibt orientalisch, aber das Äußere ist ganz neu.
Eine Katze, die nicht jedem gefällt, aber garantiert für Gesprächsstoff sorgt.
Manchmal taucht auch die Ural Rex in diesem Zusammenhang auf – eine seltene Rasse mit lockigem Fell und teils orientalischem Einschlag. Doch im Stammbaum steht sie eher am Rand, wie eine entfernte Cousine, die man nur zu Hochzeiten sieht.
Die bunte Mischverwandtschaft – Hybriden mit orientalischem Einfluss
Zu guter Letzt gibt es noch eine ganze Reihe von Katzenrassen, die irgendwo zwischen Orient und Westen entstanden sind – sogenannte Hybriden:
- Die Tonkanese, entstanden aus einer Kreuzung zwischen Siam und Burma. Sie hat oft bernsteinfarbene Augen und ein sanftes, freundliches Wesen – die goldene Mitte zwischen ihren Eltern.
- Die Snowshoe, bei der sich amerikanische Robustheit mit Siam-Eleganz paart. Sie trägt weiße Pfötchen („Schneeschuhe“) und hat einen lebhaften Blick, als wüsste sie mehr als du.
- Und schließlich die Havana Brown – eine tief schokoladenbraune Katze mit smaragdgrünen Augen. Entstanden aus Kreuzungen mit orientalischen Linien, entwickelte sie sich zu einer eigenständigen Rasse mit unverkennbarem Charme. Elegant, aber nicht abgehoben.
Und was lernen wir daraus?
Aus einer schlanken Katze aus Thailand ist eine ganze Welt entstanden:
Kurzhaarig oder langhaarig, bunt oder einfarbig, leise oder laut – aber immer mit einem Hauch Orient im Blick.
Wer sich mit diesen Rassen beschäftigt, taucht nicht nur in Fellfarben und Linien ein, sondern auch in eine Geschichte voller kultureller Verbindungen, Neugier, Schönheit – und Katzen mit Charakter.