Die treue Katze von Hagi – Legende und Geschichte


Diese überlieferte Erzählung aus Hagi zeigt, wie sich historische Fakten, buddhistische Tradition und Volksglaube zu einer Legende über außergewöhnliche Katzenloyalität verbunden haben.


Die treue Katze von Hagi – Legende, Volksglaube und kulturelles Erbe

Als im Jahr 1625 der Daimyō Mōri Terumoto starb, war die Stadt Hagi von Trauer geprägt. Terumoto war eine bedeutende Figur der frühen Edo-Zeit, und sein Tod markierte für viele seiner Gefolgsleute das Ende einer Epoche. Einer von ihnen, der Samurai Nagai Motofusa, soll den Verlust seines Herrn nicht verkraftet haben. Der Überlieferung nach nahm er sich kurz nach Terumotos Tod das Leben – ein tragisches, aber historisch nicht ungewöhnliches Verhalten in der damaligen Kriegskultur.

Zurück blieb eine einfache Hauskatze, die Motofusa täglich begleitet hatte. In den folgenden Wochen soll sie immer wieder an das Grab ihres Menschen zurückgekehrt sein. Die Legende erzählt, dass sie insgesamt 49 Tage dort verweilte – genau die Dauer, die im japanischen Buddhismus das Shijūkunichi, also die traditionelle Zeit der Seele auf dem Weg ins Jenseits, umfasst.

Aus heutiger Sicht ist klar: Eine Katze könnte ohne Unterstützung niemals so lange allein überleben. Doch die Geschichte folgt nicht biologischen Regeln, sondern dem Volksglauben jener Zeit. Im alten Japan galt das Verhalten von Tieren – besonders Katzen – oft als Spiegel menschlicher Gefühle. Wenn ein Tier ungewöhnliche Treue zeigte, verstand man dies als Zeichen einer besonderen Verbindung zwischen Mensch und Tier oder sogar als Hinweis auf eine weiterwirkende Seele.


So entstand in Hagi die Vorstellung, die Katze habe während der 49 Tage die Seele ihres Herrn begleitet, ähnlich wie ein stiller Wächter am Übergang zwischen dieser Welt und der nächsten. Die Zahl selbst besitzt im buddhistischen Volksglauben eine tiefe Bedeutung: Sie markiert den Abschluss der Trauerphase und den Moment, in dem der Verstorbene endgültig in den Zustand der Wiedergeburt übergeht. Eine Katze, die diese Zeit symbolisch begleitet, wurde daher zu einem Sinnbild für Loyalität, Reinheit und Verbundenheit.

Im Laufe der Generationen wurde aus dieser Erzählung eine feste lokale Legende. Sie wurde weitergegeben, ausgeschmückt, neu interpretiert und schließlich zu einem kleinen kulturellen Markenzeichen der Stadt. Heute begegnet man der „treuen Katze von Hagi“ in Maskottchen, Souvenirs, Illustrationen und sogar in kostümierten Figuren, die Besucher begrüßen. Lokale Geschäfte nutzen die Geschichte als freundliches Symbol, und für viele Touristen ist sie ein charmanter Teil der regionalen Identität.

Die moderne Darstellung betont nicht das Tragische, sondern das Herzliche: eine Katze, die nicht aufgibt, die Nähe sucht und sich nicht von Verlust abwenden will. In einer Welt, in der Loyalität oft mit Hunden verbunden wird, setzt Hagi bewusst ein anderes Zeichen und feiert eine Katze, die – zumindest in der Legende – ihrem Menschen treu blieb, bis die traditionelle Trauerzeit vollendet war.


Ob die Geschichte historisch genau so geschah, spielt dabei kaum eine Rolle. Sie lebt, weil sie ein menschliches Bedürfnis ausdrückt: den Wunsch, dass Bindungen Bestand haben, auch wenn das Leben sich verändert. Und sie zeigt, wie sehr Tiere – selbst in den Jahrhunderten vor unserer modernen Haustierkultur – als Gefährten wahrgenommen wurden, denen man Gefühle, Treue und Erinnerung zuschrieb.

Für Katzenfreunde auf der ganzen Welt ist die Legende darum mehr als nur ein lokaler Mythos. Sie ist ein stiller Hinweis darauf, dass Tierliebe und Verlust, Verbundenheit und Hoffnung zeitlos sind – und dass manchmal ein kleines Tier zum Symbol großer menschlicher Geschichten wird.


„Die Katze von Hagi wird meist als kleine japanische Kurzhaarkatze vorgestellt, mit wachen Augen und einem typischen gekringelten Schwanz.

In Darstellungen trägt sie oft natürliches, getigertes oder schwarz-weißes Fell – schlicht, so wie viele Katzen der Edo-Zeit.“


Hinweis zum 49-Tage-Ritus (Shijūkunichi)

Im japanischen Buddhismus gelten die ersten 49 Tage nach dem Tod als eine Übergangszeit, in der die Seele ihren Weg ins nächste Leben findet. In dieser Phase werden traditionelle Trauerrituale abgehalten, und am 49. Tag folgt meist eine abschließende Zeremonie.

Erst dann gilt die Seele als endgültig in den Zustand der Wiedergeburt eingegangen. Die Zahl 49 spielt daher eine zentrale Rolle im japanischen Volksglauben und prägt viele Legenden und Erzählungen aus dieser Zeit.