Wo kommst du her, Katze?


Wo kommst du her, Katze?

 

Das fragten wir eine große, alte Katze, die eines Morgens vor unserer Haustüre saß. Wir hatten sie noch nie gesehen; es war eine vornehme Katze, eine würdige Katze, eine geheimnisvolle Katze.

« Mau, Mao, Miau››, gab sie zur Antwort: << In Ägypten bin ich zuerst gewesen, und in China bin ich gewesen und seither fast überall, und jetzt bin ich hier! ››.

 

« Und bei was für Leuten bist Du gewesen, Katze ? ››

 

« Mau; Mao, Miau ››, antwortete sie auch diesmal: « Bei allen Arten, bei Bauern und Gelehrten, bei Handwerkern und Dichtern, bei Seefahrern und Stubenhockern. Kein Stand ist mir fremd. Ich verkehre in den rohesten und in den feinsten Kreisen. Ich kenne Dirnen und ich kenne Königinnen.

Sogar überirdische Wesen gehören zu meinem Bekanntenkreis: Ich wandelte unter Göttern! Ich habe es aber auch mit den sozusagen “ unterirdischen Wesen nicht verdorben und wechsle gerne mit dem Teufel und der Hexenschar ab und zu ein paar Worte ! ››

 

Die Katze schaute und wartete die Wirkung ihrer Rede ab. Und weil wir uns interessiert zeigten, fuhr sie fort: « Kennt Ihr die Sage von der Katze, welche den Mühlstein aufhielt? - Nicht? -

 

Dann will ich sie Euch erzählen:

In einer Mühle hielt eine Katze jede Nacht mit einer Hinterpfote den Mühlstein auf. Der Müllersknecht fand das sehr verdächtig. Er beschaffe sich ein fürchterliches Hackmesser, ließ es vom Pastoren segnen und lauerte der Katze auf. Als sie richtig wieder erschien, haute er ohne Zögern zu und schlug ihr die rechte Hinterpfote ab ! – Am Morgen traf der Knecht wie üblich den Herrn beim Frühstück und fragte: “ Guten Tag wie geht's? Frühstückt die Frau Meisterin heute nicht? ' -

“ Ach ', antwortete der Herr, “ meine Frau hat diese Nacht Unglück gehabt. Sie steht auf, weil sie eben muß; das große Schneidemesser liegt in der Küche, und sie fällt darauf, so heftig, daß sie sich den Fuß ganz abschlägt '-- Da wußte der Knecht, daß die Frau eine Hexe und die Katze die Hexe gewesen war. ' Ha !' rief er, ' ich danke in Zukunft für Arbeit in diesem Haus ! ' und lief fort. ››

 

«Und die Katze warst also Du? In einer Mühle hast Du Hexe gespielt? ›› fragten wir.

Doch da sagte die Katze: « Kennt Ihr vielleicht das Märchen vom armen Müllerbursch? - Auch nicht? -

 

So will ich auch das Euch erzählen:

Drei Müllerburschen zogen aus, ein jeder ein gutes Pferd zu finden. Denn demjenigen, der das beste Pferd nach Hause brachte, dem hatte der alte .Müller die Mühle versprochen. Der jüngste der Burschen war Hans, der Kleinknecht. Die andern beiden hielten ihn für albern und schlichen sich eines nachts, als sie alle zusammen in einer Höhle lagen, still davon. Wie nun die Sonne aufging, fand sich Hans ganz alleine, kroch aus der Höhle und wußte weder Weg noch Steg. Da kam ihm ein Kätzchen über den Weg, das wußte schon um seinen tiefsten Wunsch und führte ihn zu einem verwunschenen Schlößchen.

Dort wohnten lauter Kätzchen, und Hans trat in ihren Dienst, machte sich nützlich in Haus und Garten, sieben Jahre lang. Als diese Zeit um war, sagte die Katze: ' Geh heim, in drei Tagen komme ich nach und bringe das Pferd mit ”. Also wanderte Hans nach Hause.

Die beiden anderen Müllerburschen waren auch wieder da, jeder mit einem Pferd. Sie lachten, als Hans sagte, sein Pferd werde in drei Tagen nachkommen; der Müller glaubte ihm auch nicht, und Hans mußte im Gänsestall schlafen.

Doch am dritten Tag fuhr eine Kutsche mit sechs Pferden vor die Mühle, ein Diener brachte ein siebentes, das war für Hans. Es war schöner und besser als alle Pferde der Welt. Aus der Kutsche stieg eine Königstochter, sie nahm den treuen Hans bei der Hand und fuhr mit ihm fort. Sie fuhren zu dem Katzenschlößchen. Da stand nun ein großes Schloß, darin war alles von Gold und Silber. Die Königstochter aber war das Kätzchen gewesen, das Hans durch seine Treue vom ,Zauber befreit hatte. Sie heiratete Hans, der reich und glücklich wurde fürs ein Lebtag. ››

 

Nach dieser Geschichte glaubten wir auch nochmals etwas sagen zu dürfen:

« Und wer bist Du jetzt eigentlich, Katze? die Hexe oder die Königstochter? Hältst Du es mit den bösen oder den guten Geistern? ››

 

Da sagte die Katze: « Ich bin, wer ich bin: die Katze, die für sich alleine geht! Und was Ihr Menschen aus mir macht und gemacht habt, das ist eine andere Sache. Ihr habt mich zu einem Teufel und Ihr habt mich zu einem Gott gemacht. Ihr habt mir Tempel gebaut, und Ihr habt mich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr habt mir die besten Leckerbissen von Euren Tischen aufgehoben, und Ihr habt mich gebraten und verspiesen. Eines jedenfalls ist sicher: Ich habe Euch immer still und brav gedient. Im alten Memphis in Ägypten habt Ihr zu mir gebetet, im neuen Memphis in Amerika habe ich Euch von der Pest befreit. Auf der ganzen Welt habe ich Bauern und Fürsten die Vorräte bewacht. In Bibliotheken und Postämtern, sogar in den ,Zeughäusern der Armeen habe ich für Ordnung gesorgt. Und überdies habe ich ungezählten Einsamen, Jungfern und Junggesellen, Trost gespendet. ››

Sprach”s und entschwand.

Wer weiß wohin? zu wem?

 

(Quelle: Mau Mao Miau -- Eugen Diederichs Verlag)