Die silbernen Katzen Aaga


Die Mädchen von Aaga am Sörfjord wohnen unter Männern, die Aaga heißen und in Aaga zur Welt gekommen sind.

 

Es gibt Snorre Aaga, Trygve Aaga, Jon Aaga, Torsten Aaga, Olaf Aaga, Sven Aaga und Sven Aaga den Krummen, Sven Aaga den Roten; alle heißen am unpersönlichen Ende Aaga.

 

Hoch oben im Fjell, wo der Foss aus den Steinschrunden springt, stehen die blauschwarzen Wacholderspindeln gegen die Vorhölle des großen Gletschers. Aus dieser Welt kommt keine Menschenseele zu den Aagas.

 

Auch vom Fjord her kommt selten ein anderer Mensch als einer von Aaga, der nach Odda zum Einkauf gerudert war. Die Birken und Wacholderbäume, diese oft schwer wie Zedern, sind im Fjellwind so rabiat geworden, daß ihre Wurzeln wie Hummerzangen um die Steinblöcke gegriffen haben und ihre Stämme kniefällig auf die Quarzstufen zwischen den kleinen Wasserfällen hinsanken. Die Urwelt starrt auf die Hütten von Aaga wild hinab.

 

Hier hat es vormals Wildkatzen, Luchse und Vielfraße gegeben, hin und wieder taucht so ein Satan heute noch auf. Inzwischen sind die von Aaga hier seßhaft geworden. Seit einem Jahrtausend haben sie sich gepaart und die Geschöpfe in ihrer Mitte nach ihrem Ebenbild abgeändert.

 

Vor Aaga glänzt der Fjord. Er ist grün, er ist still, er ist voller Fische. Selten kam ein Kahn - laßt mich nachdenken, hatten sie einen Kai? Nein, ihre Vorfahren hatten einen dünnen Bootssteg gezimmert, eine Strecke entfernt vom heutigen Aaga. Er war jetzt morsch, eine Viertelstunde lang mußte ich den Fjord entlanglaufen. Das Routenschiff streicht weitab vorbei, Autos kennen sie aus Kalendern. In Aaga gibt es kein Hotel.

 

Die von Aaga hatten Obstbäume, die sie niemals beschnitten. Sie waren mit ausgedienten Rudern leichthin abgestützt. Die Apfelblüten hingen süß und klein wie Myrtensternchen zwischen den knotigen Ästen, die Kirschblüten machten ganz Aaga im Frühjahr japanisch weiß. Wettergebleicht wie das Eichenbalkenhaus, das die Aagas im 13. Jahrhundert derb und schlicht gezimmert hatten, flimmerten die Ruderstützen in der Hardangersonne. Ich wohnte im Bretterhaus eines alten Mannes, der Nußknakker schnitzte und vieler Aagas leiblicher Großvater war. Weil er anfangs scheu gegen Menschen war, die nicht in Aaga zur Welt gekommen waren, warf er mir in der ersten Abendstunde ein Schinkenbein durch das Oberlicht, das war der Einstand. Am nächsten Morgen stand eine offene Dorschleberbüchse voller Milch unter der Holztreppe, neben der eine silberne Katze saß. Zwischen den Begonien auf dem Fensterbrett hing eine zweite offene Büchse voller Milch, neben ihr saß ebenfalls eine silberne Katze. Sie waren beide satt. Auf der untersten Treppenstufe saß der alte

Aaga, und auf seinem Schoß lag zwischen Nußknackerspänen eine dritte silberne Katze mit einem dicken Silberkopf, die ein Kater war, übrigens der Kater Aaga. Auch er war satt. Die Milch war eine Morgengabe für mich, denn die rosa Zungen der silbernen Katzen hatten die engen Blechbüchsen nur fingertief ausgeschöpft.

 

Der alte Mann Aaga wurde nach einer Woche so zutraulich, daß er mir vormachte, wie er Lutefisk zu essen liebte, jenen Salzfisch, der das Stroh des Nördlichen Eismeers ist. Er schüttete sich behutsam ein Alpakalöffelchen Zucker in ein selbstgeschnitztes Holzlöffelchen, das er vorsichtig über den Lutefisk hielt, damit kein Zuckerkrümel verlorenging. Dann naschte er zwischen zwei Lutefiskbissen das hölzerne Löffelchen leer und jubelte mit

hoher Trollstimme, das Holzlöffelchen zwischen den gelben Zähnen: ››Det er fint, sukker, sukker . . . !«

 

Daneben auf dem dunkelbraunen Quader Ziegenkäse saß der Silberkater Aaga, und sooft ein Zuckerkrümel vom Löffel rieselte, schnurrte er ihm entgegen.

 

Zuerst glaubte ich, es gäbe in Aaga ebenso viele silberne Katzen wie Aagas; denn wo ich war, da waren sie auch. Vornamen wie die Einwohner von Aaga besaßen sie nicht, denn sie waren nur Tiere. Doch waren sie nicht viele, sondern nur drei: die eine Katze Aaga, die andere Katze Aaga und Aaga, der Silberkater.

 

Die eine Aaga war klug über jedes menschliche Maß, alle kätzischen Aaga-Robinsonaden hatten sich obendrein in ihrem Blut gesammelt, ich denke, seit Jahrtausenden. Sie stammte unmittelbar aus dem uralten Geschlecht der silbernen Katzen von Aaga, eine Eddaherkunft, die der anderen Katze Aaga nicht besonders bekommen war - sie gab sich zu Zeiten etwas blöd.

 

Die eine Aaga besaß die unbegreifliche Seele einer Norne, bald erschreckend hellsichtig, bald von der grauen Patina schnurrender Schwermut verdeckt.

 

Die andere Aaga war eine silberne kleine Idiotin, eine süße, rührende, müdverträumte und rabiate, aber manchmal tauschten sie beide ihre Rollen, und jede fand sich leicht in das Seelengewand der anderen. Dann waren sie leicht zu verwechseln. In früheren Jahrhunderten sollen zauberkundige Mägde von Aaga in den Ranzzeiten zwischen Mitternacht und Morgen ihre Leiber in hohlen Baumstämmen abgestellt haben und als silberfellige Katzen herausgeschlüpft sein, um sich mit den Katern auszutoben, und anders weiß der Großvater Aaga die bestürzende Vermehrung der Katzen von Aaga in solchen Nächten auch heute kaum zu erklären. Tatsache war, daß es nur drei Katzen Aaga gab und daß im Januar zwischen den Ruderstützen der Apfelbäume die wilde Jagd der Silberkatzen anhub; wie Lemminge kamen sie, und wie Lemminge waren sie plötzlich fort, sobald die Zeit der Walpurgisnachtszene vorbei war.

 

Aaga, der Kater, war in allem silberner, größer, dickköpfiger, klüger und idiotischer als die beiden Kätzinnen Aaga, und sein Name war dunkler und bedeutungsvoller gefärbt. Ich rief ihn Oogaa. Was die Mäuse von Aaga anging, so waren sie gezählt; oben im wilden Fjell unter den Haselstauden sah ich sie huschen, aber ich glaube nicht, daß es Mäuse vom Geblüt der Aagas waren und daß eine der Katzen Aaga auf den Einfall gekommen wäre, einer andersblütigen Maus zuliebe so steil ins Fjell zu klettern.

 

Wie die silbernen Kätzinnen entstammte der Kater Aaga einem alten Geschlecht von Katzen, die durch Jahrhunderte hindurch keine Gelegenheit fanden, schwarze Nachkommen zu erhalten oder rote, gefleckte, getigerte oder wenigstens falbe. Sie blieben silbern durch Generationen, nicht silbergrau, wie etwa Menschen, die keine Aagas sind, sich das vorstellen: silbern wie nachgedunkelte Halsketten oder wie jadegrüne Fjordwellen oben am Kamm, wenn das Mittagslicht schräg hindurchfährt.

 

Die beiden silbernen Kätzinnen Aaga liebten einmütig den silbernen Kater Aaga, die kluge und die verrückte. Keine mißgönnte ihn der anderen, denn beide waren Aagas, und am Ende blieb es sich gleich. Der silberne Kater Aaga aber hatte nie etwas anderes erlebt als silberne Katzen aus dem Stamm von Aaga, selbst wenn in Katzen verwandelte Mägde dazwischen gerieten, sie waren vom gleichen Schlag. Er liebte sie als Paar wie ein Patron, doch wenn sie durch Leidenschaft oder Zauber unüberschaubar wurden, zeigte er sich unersättlich. Ganz Aaga war erfüllt von seinem Ruhm.

 

Töchter und Söhne seiner Kätzinnen sah er allerdings nie. Der Platz zwischen den Obstbäumen, der alten Wassermühle, dem uralten Zwinger und den schiefergedeckten Häuschen, die von Astschrammen tapeziert im Fjordnebel standen, war ausgezählt und vergeben. Hier mußten zwei Ziegen hin, dort eine kleine Kuh, drüben fünf Schäfchen, und Hühner gab es auch.

Die Nachkommen der silbernen Katzen von Aaga verschwanden im Fjord.

Eines Tages aber hatte der Kater Aaga etwas Verwirrendes angestellt. Nachdem er die Ziegenhirtin Aslaug Aaga am frühen Vormittag - etliche Wochen vor dem Beginn der herbstlichen Ranzzeit - in die nackte Wade gebissen hatte, wonach er sich wälzte und herausfordernd zu ihr hoch sah, war er bald danach auf einen großen Dorsch gesprungen. Das geschah vier Stunden nach dem Biß in Aslaug Aagas Wade. Der Dorsch war silberschuppig von Törve Aagas Legangel unter die bucklige Kastanie am Fjordstrand geflitzt, und während er zappelte, hielt ihn der Kater Aaga für eine der silbernen Katzen Aaga, oder sein Sinn hatte sich überschlagen und zielte auf sündhaften Wechsel.

 

Hätte er den Dorsch zerrissen und einen Fetzen als Beute davongetragen, so wäre ihm ein Scheit aus Törve Aagas Stapelholz nachgeflogen; aber was hier geschehen war, schien Törve Aaga Sünde oder Tollwut.

 

Selbst die beiden Katzen Aaga, die nicht weit davon entfernt auf umgestülpten Melkeimern dösten, erhoben sich sehnig und krümmten die Rücken. Aaga, die Norne, schloß witternd die Augen und gab vor, kurzsichtig geworden zu sein, aber Aaga, die Närrin, kletterte gescheucht in den nächsten Apfelbaum und fauchte gegen den Dorsch. Nach Kater Aagas ungeordnetem Schrei und Törve Aagas Fluchen drehte sich die Norne Aaga ab und verschwand mit einem kurzen Maunzen des Ekels in Asbörn Larssen Aagas Truhenbett, rollte sich zusammen, die Augen weit geöffnet, als sähe sie das Künftige.

 

Aaga, die Närrin, schoß wie ein silberner Reiher von der Spitze des Apfelbaumes gegen den zappelnden Dorsch und zerriß ihn auf der Stelle, aus beleidigter Kehle knurrend und hemmungslos vor Gier nach Fischfleisch.

 

Nach dem Biß in Aslaug Aagas Wade und dem geisteskranken Sprung auf den Dorsch wurde der silberne Kater Aaga von dem Tierarzt von Aaga, Doktor Sven Haakon Aaga, in ein Segeltuch gerollt und von seiner bübischen Mannbarkeit kuriert. Wie die betrogenen Kätzinnen Aaga zerfiel ganz Aaga in zwei Parteien.

Die eine hatte für den Kater Aaga und seine Verirrung Verständnis, die andere, die ihn ebenfalls verstand, stellte sich puritanisch hinter Törve Aaga und Sven Haakon Aaga, den Doktor. Die Mädchen von Aaga verurteilten alle drei.

 

Der Kater Aaga blieb nach einigen Wehleidigen Tagen des Dösens liebenswürdig, genauso silberfellig wie vorher und sehr gesellig. Obwohl die Zeit der Verliebtheit näher rückte, bemerkten die silbernen Kätzinnen Aaga nicht, was ihm geschehen war. Die Welt der wirklichen Kater und der vorgeblichen war für sie noch ohne Kluft. Ich sah die drei zusammensitzen, in überlieferten Katzendistanzen über Dreieckswinkel verteilt, auf Steinplatten,

Treppen, Stabburpfosten, Kalbsfellen, Fässern und Schleifsteinen.

 

Als die Blätter der Kümmerbirken unter dem Hauch des Folgefonngletschers lachsrot wurden und melancholisch nach Aaga hinabblickten, schnitzte der Großvater aller Aagas Nußknacker mit grotesker Maulsperre, Aslaug Aaga schickte das letzte Ziegenheu mit dem Drahtseil vom Fjell in die Windschiefen Schuppen, die silberne Idiotin Aaga fing matte Hummeln mit der Nervosität einer Sünderin, die sich was besseres weiß, und Aaga, die Norne, spitzte zuweilen die silbernen Dreiecksohren und witterte gedankenvoll nach dem Kater Aaga, der in letzter Zeit viel schlief und zwischendurch guter Dinge war, nur dies und keinen Deut mehr.

 

Zur Zeit räkelte er sich silberbäuchig in der letzten Wärme der Sörfjordsonne, die Schneefelder oben glühten violett, und zwischen den veilchenblauen Felsspalten über Boerve dampfte das Lilalicht des Herbstes. Zwischen diesen Bilderbuchmärchen hackte Törve Aaga neben der Steinmauer, auf der die Kätzinnen Aaga mit weichen Silberfischleibern hingestreckt lagen, Rainfarn und Schafgarbe in die Salzbutter. Der Kater Aaga faltete fromm die silbernen Pfoten über den hellgrünen Rosetten des insektenfressenden Taettegraes, die sich an 'seiner Schlafstelle dem Himmel wie Seesterne aufschlossen. So war wohl alles hinreißend schön und beglückt, die Welt stand noch still, und narzissenblütige Wölkchen zausten sich in das Himmelsblau.

 

Plötzlich sprang Aaga, die Närrin, über Törve Aagas Salzbutterklumpen hinweg und fuhr dem Kater Aaga mit blindlings geschlossenen Augen zwischen die adrett gefalteten Pfoten. Er zog sie zurück und zuckte vor ihrem dunkelgurrenden Kehllaut freundlich schockiert zusammen. Sie wälzte sich täppisch über ihn hin, verlor den Halt und stürzte von dem Steinmäuerchen in Törve Aagas Grützeschale. Dort schrie sie Wildkatzenhaft auf, das silberne Schwänzchen hochgepeitscht. Ihre Zähnchen schimmerten spitz unter den weißen Schnurrhaaren.

 

Der Kater Aaga stand neugierig auf und blickte, ohne Ahnung und Erinnerung, doch nicht unwillig interessiert, durch die Taettegraeshalme zu ihr hinab. Sie strich staksig, mit durchgestreckten Beinchen, gurrend und knurrend, durch Törve Aagas Stiefelschäfte hindurch, vor Sehnsucht zitternd. Manchmal warf sie sich hin wie verendend, hin und wieder sprang sie senkrecht empor und kreischte auf, als beträte sie glühende Platten. Der Kater Aaga legte sich mit verschränkten Pfoten zurecht, um von diesem Schauspiel keine Szene zu Versäumen.

 

Und während er lächelte, lag Aaga, die Norne, auf dem Butterfaß und starrte verzehrend zu ihm hinüber. Feine Fieber durchliefen ihr zärtliches Fellchen, ihre Schwanzspitze zitterte wie die Zunge einer Schlange. Aus ihrem silbernen Leib kamen die leisen und dumpfen Laute der schleichenden Luchse zwischen Odda und Aaga, die vor unvordenklichen Zeiten in das Geschlecht der Haus- und Küchenkatzen Aaga hinübergewandert waren.

 

Sie glitt mit einem blitzartigen Sprung vom Butterfaß, jagte die Mauer hinauf, umkreiste ihn, floh und flog im selben Bogen zu ihm zurück. Seine geläuterte Güte reizte sie so tief, daß sie böse wurde und gegen ihn fauchte.

 

Der silberne Kater Aaga war angeregt, doch betrüblich ratlos. Dies als klares Spiel zu betrachten warnte ihn ein verbliebener Instinkt. Er plumpste träg von der Mauer, trat gemessen auf die silberne Närrin Aaga zu und bepfotete sie, worauf sie vibrierend aufschrie wie unter Flammenberührung und hinter wilden Johannisbüschen verschwand. Der Kater Aaga prallte zurück und begab sich verwirrten Gemütes zu Aaga, der Norne. Sie schmiegte sich mit bebenden Flanken gegen Blaubeergestrüpp, schloß die jadegrünen Augen erwartungsvoll und fuhr wie eine Erdflamme hoch, als seine Schnurrhaare sie berührten. Er stand begossen da, und der leise Blitz einer Erinnerung schien sein erstauntes Gehirn zu erleuchten, das im Hintergrund begann, sich zu langweilen. Er war müde, satt und allerhöchstens geneigt, ein wenig zu spielen, doch nicht in einem Walpurgistanz, in dem man silberne Masken von zwielichtiger Launenhaftigkeit und Hysterie so offenkundig zur Schau trug.

 

Er erkannte sie nicht wieder. Auch sie erkannten ihn nicht wieder, den zwischen geduldig starrender Werbung und ungestümen Attacken tätigen Kater Aaga, von dessen Ruhm ganz Aaga erfüllt war, der sich nie mit anderen Katern zu raufen genötigt sah und dessen Treue zu den Kätzinnen Aaga - übersehen wir den Fehltritt mit dem Dorsch - ein unversiegeltes Füllhorn des Balgens, Gebens, Nehmens und Jaulens war. Die silbernen Katzen Aaga fühlten sich verschmäht und übersehen, ihre Liebeswerbung nahm an Tollheit zu, und Aaga, die Norne, übertraf an törichter Hysterie die Närrin Aaga zuweilen beklemmend, wogegen deren Scharfsinn, das erkaltete Herz des Katers Aaga einen einzigen heißen Augenblick für sich zu gewinnen, in den kommenden Vollmondnächten erschreckend zunahm.

 

Schon die erste Nacht war schlimm, 0 ja, für uns alle. Sie lag mit Mond und Sternegeflimmer über den Schieferdächern von Aaga, die Treibhausfenster glänzten wie Hexenspiegel, der Foss rauschte, Baldrian, Hollunder und schwarze Johannisbeerblätter rochen wie die geisternden Seelen verwitterter Wildkater. Die Schatten unter den Wacholderstämmen knurrten und zersprangen unter langgezogenen Schreien. Die brünstige Stimme der Irren, die perverse der tobsüchtig gewordenen Norne, dazu die geheimnisvolle Schar gespenstiger Mägde, die sich in Katzen verwandelt hatten, um sich auszutoben, umheulte die Heuschober, in denen der silberne Kater Aaga versuchte, den Spuk mit gespitzten Ohren zu verschlafen.

 

Niemand in Aaga tat in dieser Nacht ein Auge zu und in den nächsten noch weniger. Die Herzen der Mädchen wurden bang, die Männer von Aaga waren vom Alp bedrückt, und Solveig Aaga, die Witwe des Fischers Ole Aaga, erwachte mit dem tintenblauen Fleck eines Bisses auf ihrem Handgelenk, in das sich ihre Zähne in der ersten entfesselten Nacht der silbernen Katzen Aaga vergraben hatten.

 

Der Mond nahm zu, und die Katzenschreie von Aaga drangen über den Sörfjord. Die zärtliche Weisheit der Norne Aaga lag verschüttet im feuchten Moos, das ihre Glut nicht zu löschen vermochte. Sie brannte und verschmachtete, sie schlich und knurrte und schmiegte sich, sie warf sich Aaga, dem Kater, würdelos zwischen die Pfoten.

 

Aaga, die Närrin, war reifer geworden in diesen Nächten, ihr unbesonnenes Temperament versank in zärtlicher Umnachtung. Knut Burre Aaga und Sigrid Aaga, das Liebespaar, hatten sie abends sitzen sehen am Foss, dort wo ein Nebenrinnsal zwischen den Frauenmantelblättern silbrig hoch sprudelt. Sie saß gelockert über dem eisigen Wasser und scharrte danach, dann blieb sie breit vor den Strandwellen sitzen und starrte selbstvergessen über den Fjord. Sie saß und saß und schämte sich nicht, erzählte Sigrid Aaga errötend den Mädchen von Aaga, die kleinen Wellen umspülten sie, und die dies hörten, kicherten.

 

Mit lockendem Wimmern lauerte Aaga, die Närrin, empor zu dem Dachfirst, auf den sich der Kater Aaga zurückgezogen hatte und mit grünem Sphinxblick hinabsah. Es gab eine Mitternacht, in der die Närrin welke Levkojen aus Mutter Kersten Aagas Blumenbeet zusammentrug und sie vor ihm hinlegte wie einen Teppich, eine neben die andere, mit zugespitzten Zähnchen. Ja, sie breitete ihr silbernes Fellchen darüber und wälzte sich, während ihr Graunzen sich in Schluchzen verlor.

 

Keine der Katzen Aaga rührte in diesen Tagen und Nächten etwas anderes an, als was Leidenschaft und Gram zwischen ihre Zähne brachte - selbst die Norne Aaga biß mit lüstern gesträubtem Schnäuzchen in den Weichen Velours der Katzenpfötchen am Foss und raufte sie aus, langsam, einzeln und in kleinen Büscheln, die sie in die Luft warf und sich hinterherschnellte wie ein schnalzender Lachs.

 

Am Tag schlichen sie ermattet unter die Holzstapel und atmeten wie Vergiftete, mit zuckenden Flanken. Ihre Pupillen verloren den Jadeschimmer, sie wurden trüb und blinzelnd, das Silberne ihrer Felle verschwand wie unter Meltau. Die Norne Aaga lief verschmutzt umher, mit lemurenhaftem Huschen, sie hatte aufgehört, sich zu putzen. Selbst Aaga, der Hofhund, und Aaga, des Pastors Svante Aaga weißer Spitz, versagten es sich, zu bellen, wenn eine der Kätzinnen Aaga verstört und ungepflegt an ihnen vorbeischlich. Aaga, den Kater auf dem Dachfirst, verbellten sie streng, mit blutunterlaufenen Augen. Silberflimmernd lächelte er auf sie hinab.

 

Die kleinen Katzenfrauenherzen waren gebrochen. In der neunten Mondnacht fand Aslaug Aaga neben dem früheren Lager des silbernen Katers Aaga den abgemagerten Leib der Norne Aaga, halb vergraben im Heu. Sie hatte sich, wie Aslaug Aaga schluchzend ausstieß, an dem Kerl zu Tod geliebt.

 

Der Anblick war erbärmlich. Salbungsvoll, mit wohlig durchgedrückten Hinterbeinen, schlich Kater Aaga an dem armen Körperchen vorbei, gähnte verlegen und maunzte nach warmer Milch.

Er hatte in dieser Nacht Gelegenheit gehabt, ungestört ein Auge voll Schlaf zu nehmen und fühlte sich erfrischt.

 

Aaga, die Närrin, starb erst einige Tage später. Aber es brachte sie um wie Aaga, die Norne. Das unlösbare Geheimnis, weshalb ihre Liebe von ihm nicht erhört worden war, zersprengte ihre ruhelose Inbrunst so unbarmherzig wie die der welterfahrenen Norne. Sie starb später, weil ihr Irrsinn sich eine Welt erbaute, in der das wirklich geschah, was Aaga, der Kater, nicht mehr vermochte. Es überschritt ihren Verstand und ihren Instinkt, und sie weinte am Ende wie ein verhexter Mensch, das Köpfchen starr zu dem Dachfirst emporgereckt, wo der silberne Kater Aaga fern und freundlich auf sie herablauerte.

 

Dann warf sie sich hin, wie von einer plötzlichen Lähmung getroffen, und ihr Atem wurde unhörbar. So endete sie, bevor die Sonne über den Sörfjord stieg, und mit ihr starben die silbernen Katzen von Aaga aus.

 

Denn Aaga, den Kater, schlugen die Leute von Aaga am andern Morgen tot. Was sollte er noch? Er nahm es freundlich hin wie alles vorher, mit dem Charme eines beruhigten Herzens, das nun ehrlich erschöpft war.

 

Als sein silberner Leib hinab zu den Dorschen im Fjord klatschte, ging ich zum Bootssteg und löste den Kahn. Was sollte ich noch?

 

In Aaga brach die Zeit der toten Nächte aus, und die zauberkräftigen Mägde zogen die kühlen Leintücher über sich und drehten sich schlaflos zur Wand.


Eugen Skasa-Weiß (1905-1977) war ein deutscher Schriftsteller und Journalist, der vor allem für seine humorvollen und feinsinnigen Feuilletons bekannt war.

In seinen Texten, die in Zeitungen und Zeitschriften wie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Süddeutschen Zeitung" erschienen, beleuchtete er mit spitzer Feder die kleinen und großen Absurditäten des Alltags.