Mythos: Trockenfutter verursacht Krankheiten
wie CNI, Diabetes oder FORL


In Diskussionen über Katzenernährung taucht häufig die Behauptung auf, Trockenfutter sei die Ursache vieler moderner Katzenkrankheiten. Besonders oft werden dabei chronische Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus oder Zahnresorptionen genannt. Solche Aussagen wirken auf den ersten Blick plausibel, weil viele Katzen Trockenfutter fressen und gleichzeitig viele ältere Katzen an genau diesen Erkrankungen leiden.
Hier liegt jedoch ein typischer Denkfehler vor. Wenn zwei Dinge häufig gemeinsam auftreten, bedeutet das nicht automatisch, dass das eine die Ursache des anderen ist. Viele Katzen erhalten Trockenfutter, und viele Katzen werden im Laufe ihres Lebens krank. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch schließen, dass Trockenfutter diese Krankheiten verursacht.


Tatsächlich zeigt die wissenschaftliche Datenlage, dass die Entstehung vieler chronischer Erkrankungen bei Katzen deutlich komplexer ist. In der Medizin spricht man in solchen Fällen von multifaktoriellen Ursachen. Das bedeutet, dass mehrere Faktoren zusammenwirken können. Dazu gehören unter anderem Alter, genetische Veranlagung, Körpergewicht, Aktivität, Entzündungen im Körper und allgemeine Lebensbedingungen.
Ein häufig genanntes Beispiel ist die chronische Nierenerkrankung der Katze, die im Alltag oft als CNI bezeichnet wird. Diese Erkrankung tritt vor allem bei älteren Katzen auf. Die genauen Ursachen können unterschiedlich sein und sind oft nicht eindeutig zu bestimmen. Studien, die gezielt untersucht haben, ob die Fütterungsform – also Nassfutter oder Trockenfutter – das Risiko für die Entwicklung einer solchen Erkrankung beeinflusst, liefern bislang kein klares Ergebnis.


 In einigen Untersuchungen konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den Fütterungsformen festgestellt werden.
Wichtig ist dabei eine klare Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Fragen. Die erste Frage lautet: Entsteht eine Nierenerkrankung durch eine bestimmte Fütterungsform? Dafür gibt es bisher keine eindeutigen Belege. Die zweite Frage lautet: Wie sollte eine Katze gefüttert werden, wenn bereits eine Nierenerkrankung vorliegt? In diesem Fall spielt eine gute Flüssigkeitsversorgung eine wichtige Rolle, weil betroffene Katzen oft mehr Flüssigkeit verlieren. Deshalb wird in solchen Situationen häufig empfohlen, den Wasseranteil der Nahrung zu erhöhen. Ob dies sinnvoll ist, sollte immer durch einen Tierarzt abgeklärt werden.
Ein weiteres häufig diskutiertes Thema ist der Zusammenhang zwischen Trockenfutter und Diabetes mellitus. Dabei wird oft argumentiert, dass Trockenfutter aufgrund seines höheren Kohlenhydratanteils das Risiko für Diabetes erhöht. Tatsächlich enthalten viele Trockenfutter mehr Kohlenhydrate als Nassfutter, weil Stärke für die Herstellung der Krokettenstruktur benötigt wird.


Die vorhandenen Studien zeigen jedoch, dass Kohlenhydrate allein nicht automatisch zur Entstehung von Diabetes führen. Entscheidend ist vor allem die gesamte Energiebilanz des Tieres. Übergewicht gilt als einer der wichtigsten Risikofaktoren für Diabetes bei Katzen. Katzen, die dauerhaft mehr Kalorien aufnehmen als sie verbrauchen, entwickeln häufiger Übergewicht, und dieses Übergewicht kann wiederum das Risiko für Diabetes erhöhen.
Auch hier zeigt sich also, dass nicht die Futterform allein entscheidend ist, sondern das gesamte Fütterungsmanagement. Portionsgrößen, Aktivität, Kastrationsstatus und Lebensstil spielen eine große Rolle.
Ein drittes Beispiel ist die Zahnresorption, die oft unter dem Begriff FORL bekannt ist. Dabei handelt es sich um eine schmerzhafte Erkrankung, bei der körpereigene Zellen die Zahnsubstanz angreifen und langsam abbauen. Diese Erkrankung kommt bei Katzen relativ häufig vor und wird oft erst spät erkannt.


Die Ursache dieser Erkrankung ist bis heute nicht vollständig geklärt. Verschiedene Faktoren werden diskutiert, darunter Entzündungen im Maulraum, Veränderungen im Mineralstoffhaushalt, genetische Einflüsse oder immunologische Prozesse. Ein eindeutiger wissenschaftlicher Nachweis, dass Trockenfutter diese Erkrankung verursacht, existiert jedoch nicht.
Der Eindruck eines Zusammenhangs entsteht häufig dadurch, dass betroffene Katzen beim Kauen Schmerzen zeigen. Da Trockenfutter härter ist als Nassfutter, reagieren manche Katzen besonders empfindlich darauf. In solchen Fällen wird dann schnell angenommen, das Futter habe die Erkrankung verursacht, obwohl es in Wirklichkeit nur die Schmerzen sichtbar macht.


Für die sachliche Einordnung dieser Mythen ist daher ein wichtiger Punkt entscheidend. Viele Krankheiten entstehen durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Ernährung kann dabei eine Rolle spielen, ist aber selten der einzige Auslöser.
Deshalb greifen pauschale Aussagen wie „Trockenfutter verursacht diese Krankheiten“ zu kurz. Sie vereinfachen komplexe medizinische Zusammenhänge und führen leicht zu Missverständnissen. Wenn gesundheitliche Probleme bei einer Katze auftreten, sollte die Ursache immer individuell untersucht werden. Eine medizinische Abklärung sollte grundsätzlich durch einen Tierarzt erfolgen.