Mythos: Trockenfutter entzieht Katzen Wasser


Die Behauptung, dass Trockenfutter Katzen Wasser entzieht, gehört zu den am häufigsten wiederholten Aussagen in Diskussionen über Katzenernährung. Viele Katzenhalter beobachten, dass ihre Katze scheinbar wenig trinkt, während gleichzeitig Harn- oder Nierenprobleme bei Katzen relativ häufig vorkommen. Daraus entsteht schnell die vereinfachte Schlussfolgerung, Trockenfutter würde dem Körper aktiv Wasser entziehen.
Tatsächlich funktioniert dieser Zusammenhang anders. Trockenfutter entzieht dem Körper kein Wasser im physikalischen Sinne. Es enthält jedoch selbst nur sehr wenig Feuchtigkeit. Genau dieser Unterschied zum Nassfutter ist der entscheidende Punkt.


Nassfutter enthält in der Regel einen sehr hohen Wasseranteil. Viele Produkte liegen zwischen etwa sechzig und über achtzig Prozent Feuchtigkeit. Trockenfutter dagegen enthält meist nur etwa drei bis zehn Prozent Wasser. Der Unterschied ist also erheblich. Während eine Katze bei Nassfutter bereits einen großen Teil ihres Flüssigkeitsbedarfs über die Nahrung aufnimmt, muss sie bei Trockenfutter den größten Teil der Flüssigkeit zusätzlich trinken.


Dieser Unterschied hängt direkt mit der Herstellung von Trockenfutter zusammen. Das klassische Trockenfutter, das die meisten Katzenhalter kennen, wird mit einem Verfahren hergestellt, das Extrusion genannt wird. Dabei werden die Zutaten zu einer Masse verarbeitet, unter Druck und Hitze gekocht und anschließend durch eine Form gepresst. Am Ende entstehen die typischen Kroketten, die man als Trockenfutter kennt. Während dieses Prozesses wird ein großer Teil der Feuchtigkeit entfernt. Dadurch entsteht ein Produkt mit sehr geringem Wassergehalt und langer Haltbarkeit.


Ein weiterer technischer Aspekt dieser Herstellung ist die Struktur der Kroketten. Damit die Kibbles ihre feste Form behalten, wird Stärke benötigt. Diese Stärke stammt häufig aus Getreide, Reis oder anderen pflanzlichen Zutaten. Während des Herstellungsprozesses wird sie erhitzt und geliert, wodurch die typische feste Struktur der Kroketten entsteht.
Neben diesem klassischen Verfahren gibt es auch Trockenfutter, das als kaltgepresst bezeichnet wird. Bei dieser Herstellung werden die Zutaten unter deutlich geringerer Hitze verarbeitet. Der Feuchtigkeitsgehalt kann dabei etwas höher bleiben als bei extrudiertem Trockenfutter. Trotzdem handelt es sich weiterhin um Trockenfutter, und der Wasseranteil bleibt im Vergleich zu Nassfutter deutlich niedriger.


Unabhängig vom Herstellungsverfahren bleibt also ein grundlegender Unterschied bestehen: Trockenfutter enthält nur sehr wenig Wasser.
Studien zur Wasseraufnahme von Katzen zeigen deshalb ein relativ klares Bild. Katzen, die hauptsächlich Nassfutter erhalten, nehmen insgesamt mehr Flüssigkeit auf als Katzen, die ausschließlich Trockenfutter fressen. Zwar trinken Katzen bei Trockenfütterung meist mehr Wasser aus dem Napf, doch dieser zusätzliche Konsum gleicht den fehlenden Wasseranteil des Futters im Durchschnitt nicht vollständig aus.
In Untersuchungen mit kontrollierten Fütterungsbedingungen zeigte sich zum Beispiel, dass Katzen unter Nassfütterung deutlich höhere Gesamtmengen an Flüssigkeit aufnehmen können als unter Trockenfütterung. Gleichzeitig ist das Urinvolumen höher und die Konzentration des Urins geringer. Diese Unterschiede hängen direkt mit dem Wassergehalt der Nahrung zusammen.


Diese Ergebnisse bedeuten jedoch nicht automatisch, dass Trockenfutter grundsätzlich problematisch ist. Gesunde Katzen sind in der Lage, relativ konzentrierten Urin zu bilden. Diese Fähigkeit stammt aus ihrer evolutionären Anpassung an trockene Lebensräume. Viele Katzen können ihren Flüssigkeitshaushalt deshalb auch bei Trockenfütterung stabil halten, solange ausreichend frisches Wasser zur Verfügung steht.
Für Katzen mit bestimmten gesundheitlichen Problemen kann eine höhere Wasseraufnahme jedoch hilfreich sein. Besonders bei Erkrankungen der Harnwege oder der Nieren spielt eine gute Flüssigkeitsversorgung eine wichtige Rolle. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, den Wasseranteil der Nahrung zu erhöhen. Ob dies notwendig ist, sollte im Zweifel durch einen Tierarzt abgeklärt werden.


Für den Alltag von Katzenhaltern ergibt sich daraus eine sachliche Einordnung. Trockenfutter entzieht Katzen kein Wasser. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Trockenfutter selbst kaum Feuchtigkeit enthält. Deshalb muss die Katze den fehlenden Wasseranteil durch Trinken ausgleichen.
Wie gut das gelingt, kann von Katze zu Katze unterschiedlich sein. Einige Tiere trinken sehr zuverlässig, andere deutlich weniger. Faktoren wie mehrere Wasserstellen im Haushalt, fließende Wasserquellen oder das Mischen von Wasser unter das Futter können die Wasseraufnahme zusätzlich unterstützen.
Der Mythos „Trockenfutter entzieht Katzen Wasser“ greift daher zu kurz. Die wissenschaftlich besser belegte Aussage lautet: Nassfutter erhöht im Durchschnitt die gesamte Wasseraufnahme der Katze, während Trockenfutter aufgrund seines niedrigen Feuchtigkeitsgehalts einen größeren Anteil des Flüssigkeitsbedarfs über das Trinken erfordert.